Viele Unternehmer, die zu mir kommen, stellen die falsche Frage. Sie fragen: „Ist mein Unternehmen überhaupt noch zu retten?“ Die entscheidende Frage lautet aber zuerst: „Wollen Sie Ihr Unternehmen überhaupt behalten?“ Denn davon hängt ab, welches Verfahren für Sie das richtige ist.
Als Restrukturierungsanwalt begleite ich Unternehmer durch die Eigenverwaltung. Ich zeige Ihnen hier, wann sich dieses Verfahren wirklich lohnt, wie hoch Ihre Chancen realistisch stehen und warum die Eigenverwaltung heute nicht mehr die Ausnahme, sondern der Normalfall für lebendige Unternehmen ist.
- Die Eigenverwaltung ist sinnvoll, wenn Sie Ihr Unternehmen behalten und fortführen wollen. Wollen Sie das nicht, können Sie den Schlüssel abgeben und einem Insolvenzverwalter die Abwicklung überlassen.
- In der regulären Insolvenz verlieren Sie Ihr Unternehmen mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 95 Prozent. In der Eigenverwaltung liegt die Chance, es zu behalten, bei etwa 90 Prozent.
- Voraussetzung ist ein Geschäftsmodell mit einem rentablen, zukunftsfähigen Kern. Diesen Kern kann man in der Eigenverwaltung herausschälen und den Betrieb gesundschrumpfen.
- Auch psychologisch ist die Eigenverwaltung im Vorteil: Sie arbeiten mit dem Sachwalter auf Augenhöhe – und Kunden, Lieferanten und Auftraggeber verhalten sich deutlich kooperativer als in der Regelinsolvenz.
Die erste Frage: Wollen Sie Ihr Unternehmen behalten?
Eine Eigenverwaltung ist immer dann sinnvoll, wenn Sie als Unternehmer Ihr Unternehmen behalten und den Betrieb fortführen wollen. Das ist der Ausgangspunkt für alles Weitere.
Wenn Sie dagegen die Nase voll haben von der selbstständigen Tätigkeit und das Unternehmen ohnehin loswerden möchten, dann brauchen Sie keine Eigenverwaltung. In diesem Fall können Sie einen regulären Insolvenzantrag stellen, den Schlüssel abgeben und die Abwicklung einem Insolvenzverwalter überlassen. Wollen Sie Ihr Unternehmen aber behalten, ist die Eigenverwaltung praktisch Ihre einzige Chance.
95 Prozent gegen 90 Prozent: die Chancen im Vergleich
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. In der regulären Insolvenz werden Sie Ihr Unternehmen mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 95 Prozent verlieren – der Insolvenzverwalter verkauft oder zerschlägt den Betrieb. In der Eigenverwaltung hingegen stehen die Chancen bei etwa 90 Prozent, dass Sie Ihr Unternehmen behalten.
Diese Zahlen kehren das Ergebnis also fast vollständig um. Der einzige echte Hebel, den Sie in der Hand haben, ist die Wahl des richtigen Verfahrens – und die treffen Sie ganz am Anfang.
Voraussetzung: ein rentabler Kern
Natürlich zaubert auch die Eigenverwaltung nicht. Das Geschäftsmodell muss noch halbwegs aussichtsreich sein. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – es reicht, wenn es in Ihrem Unternehmen wenigstens einen Kern gibt, der rentabel und zukunftsträchtig ist.
Denn in der Eigenverwaltung lässt sich das Unternehmen so verkleinern, dass Sie am Ende nur noch den rentablen Teil behalten und fortführen. Unrentable Bereiche, teure Verträge und Altlasten werden abgestreift. Was übrig bleibt, ist ein gesunder, tragfähiger Betrieb. Man spricht hier auch vom „Gesundschrumpfen“.
Der psychologische Vorteil: Verhandeln auf Augenhöhe
Die Eigenverwaltung ist aber nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus psychologischen Gründen sinnvoll. In der Eigenverwaltung arbeiten Sie mit dem gerichtlich bestellten Sachwalter zusammen, der das Verfahren für Gericht und Gläubiger überwacht – und zwar auf Augenhöhe.
Das schafft eine persönliche Arbeitsbeziehung zum Sachwalter. Und die erleichtert spätere Verhandlungen erheblich: Sollte er Sie zum Beispiel wegen möglicher Haftungsansprüche in Anspruch nehmen wollen, ist Ihre Verhandlungsposition ungleich besser, wenn man sich aus der gemeinsamen Arbeit bereits kennt und schätzt. In der regulären Insolvenz stehen Sie dem Verwalter dagegen als Gegenüber ohne diese Beziehung gegenüber.
Die Eigenverwaltung setzt sich durch
Es lohnt sich, mit einem alten Vorurteil aufzuräumen: Die Eigenverwaltung war früher der Exot unter den Insolvenzverfahren. Heute ist sie eher der Standardfall – jedenfalls bei lebendigen Unternehmen, die man fortführen möchte.
Das hat auch Folgen für Ihr Umfeld. Auftraggeber, Kunden und Lieferanten wissen heute sehr genau zwischen einer Eigenverwaltung und einer regulären Insolvenz zu unterscheiden. In einer Eigenverwaltung verhalten sich diese Stakeholder deshalb weitaus kooperativer als in der Regelinsolvenz – sie erkennen, dass hier saniert und nicht abgewickelt wird.
Häufige Fehler
Die falsche erste Frage stellen. Wer nur fragt, ob das Unternehmen „perfekt“ dasteht, verpasst den Kern. Entscheidend ist zuerst, ob Sie es behalten wollen – der Rest ist Gestaltung.
Zu lange in der Regelinsolvenz denken. Wer den regulären Insolvenzantrag als Normalfall betrachtet, gibt die 90-Prozent-Chance der Eigenverwaltung freiwillig aus der Hand.
Einen rentablen Kern übersehen. Viele Unternehmer sehen nur die roten Zahlen des Gesamtbetriebs und übersehen den gesunden Teil, der sich herausschälen und fortführen lässt.
Den Sachwalter als Gegner betrachten. Die Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist ein echter Vorteil. Wer den Sachwalter von Anfang an als Feind behandelt, verschenkt eine wertvolle Verhandlungsposition.
Häufige Fragen
- Wann sollte ich mich gegen die Eigenverwaltung entscheiden?
- Wenn Sie Ihr Unternehmen ohnehin nicht mehr behalten wollen. Dann können Sie einen regulären Insolvenzantrag stellen, den Schlüssel abgeben und die Abwicklung dem Insolvenzverwalter überlassen. Wollen Sie den Betrieb dagegen fortführen, ist die Eigenverwaltung der richtige Weg.
- Wie hoch sind meine Chancen, das Unternehmen zu behalten?
- In der regulären Insolvenz verlieren Unternehmer ihren Betrieb mit rund 95 Prozent Wahrscheinlichkeit. In der Eigenverwaltung liegt die Chance, das Unternehmen zu behalten, bei etwa 90 Prozent – vorausgesetzt, es gibt einen rentablen Kern.
- Mein Unternehmen schreibt insgesamt Verluste – ist die Eigenverwaltung trotzdem möglich?
- Oft ja. Entscheidend ist nicht, dass der gesamte Betrieb rentabel ist, sondern dass es einen rentablen, zukunftsträchtigen Kern gibt. Diesen Kern kann man in der Eigenverwaltung herausschälen und den Betrieb entsprechend verkleinern.
- Warum reagieren Kunden und Lieferanten auf eine Eigenverwaltung anders?
- Weil sie heute genau zwischen Sanierung und Abwicklung unterscheiden. Eine Eigenverwaltung signalisiert, dass das Unternehmen fortgeführt werden soll. Stakeholder verhalten sich deshalb deutlich kooperativer als in einer regulären Insolvenz.
Wie ein Unternehmer drei Gesellschaften in Eigenverwaltung sanierte, den rentablen Kern behielt und am Ende auch persönlich neu anfangen konnte.
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Beitrag lesenJörg Franzke
Jörg Franzke ist Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Restrukturierung, Eigenverwaltung, Insolvenzpläne und StaRUG-Verfahren.
Seit über 30 Jahren begleitet er Unternehmer in Krisensituationen und hat mehr als 250 Unternehmenssanierungen begleitet.
Persönliche Beratung. Keine Delegation. Keine Standardlösungen.