Kaum eine Sorge ist vor einer Sanierung so groß wie diese: „Jetzt kündigen mir alle guten Mitarbeiter." Fast jeder Geschäftsführer spricht mich darauf an, bevor die Eigenverwaltung beginnt. Die Angst ist verständlich – schließlich hängt der Erfolg der Sanierung davon ab, dass das Unternehmen weiterarbeiten kann.
Meine Erfahrung aus vielen Verfahren ist beruhigend: Diese Befürchtung bestätigt sich nur selten. Vollständig verhindern lassen sich Kündigungen zwar nicht, aber die große Mehrheit der Belegschaft bleibt – wenn einige Dinge stimmen. Und die meisten davon haben Sie als Geschäftsführer selbst in der Hand.
- In jeder Unternehmenskrise gibt es einzelne Mitarbeiter, die sich nach etwas Neuem umsehen. Das ist menschlich und lässt sich nicht verhindern.
- Gerade im Insolvenzgeldzeitraum ist das Gehalt häufig besser abgesichert als in vielen wirtschaftlich angeschlagenen Unternehmen außerhalb eines Verfahrens.
- Ob Mitarbeiter bleiben, entscheidet sich selten allein am Gehalt – sondern an der Haltung des Geschäftsführers und an einer erkennbaren Perspektive.
- Nach meiner Erfahrung verlassen häufig nur etwa 5 bis 10 Prozent der Belegschaft das Unternehmen. Der genaue Wert hängt von Branche, Arbeitsmarkt und Einzelfall ab.
Warum Mitarbeiter kündigen
Versetzen Sie sich in die Lage eines Mitarbeiters. Er kommt nach Hause und erzählt seiner Familie: „Unser Unternehmen hat Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt." Für viele Angehörige klingt das nach einer Katastrophe. Nicht selten hört der Mitarbeiter dann: „Such dir sofort etwas Neues, das ist viel zu riskant."
Solche Gespräche am Küchentisch habe ich häufig erlebt. Dabei wird ein wichtiger Punkt übersehen: Gerade während des Insolvenzgeldzeitraums ist das Arbeitsentgelt oft besser abgesichert als in vielen wirtschaftlich angeschlagenen Unternehmen, die noch gar kein Verfahren eingeleitet haben. Die Löhne der ersten drei Monate übernimmt das Insolvenzgeld.
Kündigungen entstehen also selten aus einer nüchternen Bewertung der tatsächlichen Sicherheit – sondern aus Unsicherheit, Gerüchten und fehlender Information. Genau hier können Sie ansetzen.
Die größte Sicherheit ist Vertrauen
Ob Mitarbeiter bleiben, entscheidet sich selten allein am Gehalt. Sie beobachten vor allem eine Person: den Geschäftsführer. Wirkt er ruhig? Hat er einen Plan? Übernimmt er Verantwortung? Oder verbreitet er selbst Hoffnungslosigkeit?
Führung überträgt sich – Optimismus ebenso wie Resignation. Deshalb ist Ihre Haltung als Geschäftsführer einer der wichtigsten Faktoren für die Mitarbeiterbindung. Wer selbst an die Sanierung glaubt und das glaubwürdig vermittelt, gibt seiner Belegschaft Halt.
Kommunizieren Sie den Plan – nicht die Angst
Viele Geschäftsführer sprechen in der Krise ausschließlich über die Probleme. Ich empfehle das Gegenteil. Erklären Sie Ihren Mitarbeitern, warum die Eigenverwaltung gewählt wurde, welche Maßnahmen bereits umgesetzt werden, wie die nächsten Monate aussehen und weshalb Sie an die Zukunft des Unternehmens glauben.
Menschen bleiben eher dort, wo sie eine Perspektive erkennen. Ein klarer Plan wirkt stärker als jede Beteuerung, dass „schon alles gut wird". Zeigen Sie den Weg – nicht nur die Zuversicht.
Bleibeprämien können sinnvoll sein
Gerade bei Schlüsselmitarbeitern kann es sinnvoll sein, sogenannte Bleibeprämien zu vereinbaren. Dabei erhält der Mitarbeiter beispielsweise eine einmalige Zahlung, wenn er für einen bestimmten Zeitraum im Unternehmen bleibt.
Ob eine solche Vereinbarung wirtschaftlich sinnvoll und rechtlich richtig ausgestaltet ist, muss im Einzelfall geprüft werden. In der Praxis können Bleibeprämien aber ein wirksames Instrument sein, um unverzichtbare Fachkräfte während der Sanierung an das Unternehmen zu binden – und damit genau die Menschen zu halten, die für den Erfolg entscheidend sind.
Weniger Kündigungen als viele Geschäftsführer erwarten
Vor jeder Eigenverwaltung höre ich dieselbe Sorge: „Jetzt kündigen mir alle guten Mitarbeiter." Diese Befürchtung bestätigt sich nach meiner Erfahrung nur selten. Natürlich verlassen einzelne Mitarbeiter das Unternehmen – das ist normal.
Die große Mehrheit bleibt jedoch, wenn sie erkennt, dass die Löhne gesichert sind, dass ein professioneller Sanierungsplan existiert und dass die Unternehmensleitung die Situation im Griff hat. Aus meiner Erfahrung verlassen häufig nur etwa 5 bis 10 Prozent der Mitarbeiter das Unternehmen. Die tatsächliche Quote hängt natürlich von Branche, Arbeitsmarkt und den Umständen des Einzelfalls ab.
Die Eigenverwaltung macht einen Unterschied
Zwischen einer klassischen Regelinsolvenz und einer Eigenverwaltung besteht auch psychologisch ein großer Unterschied. Bei einer Eigenverwaltung erleben die Mitarbeiter: Der Geschäftsführer ist weiterhin im Amt, das Unternehmen arbeitet weiter, es gibt einen konkreten Sanierungsplan, und die Zukunft wird aktiv gestaltet.
Das vermittelt deutlich mehr Zuversicht als das Bild einer Insolvenz, bei der ein fremder Verwalter die vollständige Kontrolle übernimmt. Diese Kontinuität ist einer der Gründe, warum in gut geführten Eigenverwaltungen so viele Mitarbeiter an Bord bleiben.
Häufige Fehler
Den Mitarbeitern keine Perspektive geben. Wer nur über Probleme spricht, erzeugt Unsicherheit – und Unsicherheit ist der häufigste Grund für Kündigungen.
Schlüsselmitarbeiter nicht absichern. Gerade in einer Sanierung können einzelne Fachkräfte für den Unternehmenserfolg unverzichtbar sein. Wer sie nicht bindet, riskiert genau an der falschen Stelle einen Verlust.
Die Wirkung der eigenen Kommunikation unterschätzen. Mitarbeiter orientieren sich am Verhalten ihrer Führungskräfte – oft stärker an der Haltung als an den Worten.
Häufige Fragen
- Kündigen in einer Eigenverwaltung besonders viele Mitarbeiter?
- Nach meiner Erfahrung nicht. Die Zahl der Kündigungen wird häufig überschätzt und hängt stark davon ab, wie professionell die Sanierung vorbereitet und kommuniziert wird.
- Können Bleibeprämien vereinbart werden?
- Ja, insbesondere bei Schlüsselmitarbeitern können Bleibeprämien ein sinnvolles Instrument sein. Sie sollten jedoch wirtschaftlich sinnvoll und rechtlich sauber ausgestaltet werden.
- Was ist der wichtigste Faktor, damit Mitarbeiter bleiben?
- Ein glaubwürdiger Geschäftsführer mit einem klaren Plan. Mitarbeiter folgen in einer Krise vor allem der Führung und der Perspektive des Unternehmens.
Wie eine professionelle Kommunikation und eine konsequente Sanierungsstrategie dazu beitrugen, den überwiegenden Teil der Belegschaft im Unternehmen zu halten.
Wann muss ich meine Mitarbeiter informieren?
Der richtige Zeitpunkt entscheidet: erst nach dem Gerichtsbeschluss – dann aber offen und durch den Geschäftsführer selbst.
Beitrag lesenSoll ich offen über die Krise sprechen?
Ja – aber nicht über die Krise, sondern über die Lösung. Mitarbeiter brauchen einen Plan, keinen Katastrophenbericht.
Beitrag lesenJörg Franzke
Jörg Franzke ist Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Restrukturierung, Eigenverwaltung, Insolvenzpläne und StaRUG-Verfahren.
Seit über 30 Jahren begleitet er Unternehmer in Krisensituationen und hat mehr als 250 Unternehmenssanierungen begleitet.
Persönliche Beratung. Keine Delegation. Keine Standardlösungen.