Jörg Franzke
Krise erkennen

Woran erkenne ich, dass mein Unternehmen wirklich in der Krise ist?

Die einfachste Antwort lautet: Ihnen geht das Geld aus. Nicht sinkende Gewinne und nicht leere Auftragsbücher entscheiden über eine existenzbedrohende Krise – sondern die Liquidität.

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Rubrik
Krise erkennen
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6 Min.
Merksatz
Die Vier-Wochen-Frage

Kaum eine Frage beschäftigt Unternehmer in schwierigen Zeiten so sehr wie diese: Steckt mein Unternehmen wirklich in der Krise – oder ist das nur eine vorübergehende Delle? Die ehrlichste und zugleich einfachste Antwort lautet: Es kommt darauf an, ob Ihnen das Geld ausgeht.

Nicht sinkende Gewinne, nicht leere Auftragsbücher und auch nicht Verluste entscheiden darüber, ob eine existenzbedrohende Krise vorliegt. Entscheidend ist die Liquidität. Solange Sie Ihre fälligen Rechnungen bezahlen können und ausreichend Reserven oder freie Kreditlinien besitzen, besteht Handlungsspielraum. Wird die Liquidität dagegen knapp, müssen Sie handeln.

Das Wichtigste in 60 Sekunden
  • Entscheidend ist nicht der Gewinn, sondern die Liquidität. Solange Sie Ihre fälligen Rechnungen bezahlen können und Reserven oder freie Kreditlinien besitzen, besteht Handlungsspielraum.
  • Auch ein vermögendes Unternehmen kann insolvent werden: Rechnungen werden nicht mit Immobilien oder Maschinen bezahlt, sondern mit Geld auf dem Konto.
  • Die praktische Prüfung ist die Vier-Wochen-Frage: Kann ich alle fälligen Verpflichtungen der nächsten vier Wochen sicher erfüllen? Lautet die Antwort Nein oder unsicher, sollten Sie fachkundigen Rat einholen.
  • Ist die Antwort Ja, besteht in aller Regel noch Zeit, verschiedene Sanierungswege zu prüfen – von der außergerichtlichen Sanierung über ein StaRUG-Verfahren bis zur Eigenverwaltung.
  • Fast nie wird ein Unternehmen über Nacht insolvent. Das eigentliche Problem ist nicht das Übersehen der Warnsignale, sondern die Hoffnung, es werde sich von allein bessern.

Die wichtigste Kennzahl ist nicht der Gewinn, sondern die Liquidität

Viele Unternehmer konzentrieren sich auf Umsatz, Gewinn oder den Wert ihres Unternehmens. In einer Krise verlieren diese Kennzahlen jedoch an Bedeutung. Ein Unternehmen kann Millionenwerte in Form von Immobilien, Maschinen oder Beteiligungen besitzen und trotzdem insolvent werden.

Der Grund ist einfach: Rechnungen werden nicht mit Vermögenswerten bezahlt, sondern mit Geld auf dem Konto. Wenn Lieferanten, Mitarbeiter, Sozialversicherung oder das Finanzamt bezahlt werden müssen, hilft Ihnen die modernste Produktionshalle nichts, solange daraus nicht kurzfristig Liquidität entsteht.

Stellen Sie sich jeden Morgen nur eine einzige Frage

Ich empfehle meinen Mandanten eine überraschend einfache Prüfung: Kann mein Unternehmen sämtliche fälligen Rechnungen und Zahlungsverpflichtungen der nächsten vier Wochen sicher erfüllen?

Falls die Antwort Ja lautet, besteht in aller Regel noch Zeit, verschiedene Sanierungsmaßnahmen zu prüfen. Lautet die Antwort Nein oder sind Sie sich unsicher, sollten Sie unverzüglich fachkundigen Rat einholen. In dieser Phase entscheidet häufig nicht mehr der Jahresabschluss über die Zukunft des Unternehmens, sondern die Liquiditätsplanung der nächsten Tage und Wochen.

Warum viele Unternehmer die Krise zu spät erkennen

In meiner Praxis beobachte ich immer wieder dieselben Fehleinschätzungen. Der Unternehmer sagt: „Wir besitzen doch Immobilien." „Unsere Maschinen sind Millionen wert." „Wenn wir das Grundstück verkaufen, ist alles wieder gut."

Das Problem ist: Solche Vermögenswerte lassen sich oft nicht innerhalb weniger Tage oder Wochen verkaufen. Die laufenden Rechnungen warten jedoch nicht. Deshalb geraten auch wirtschaftlich wertvolle Unternehmen in die Insolvenz – nicht wegen fehlenden Vermögens, sondern wegen fehlender Liquidität.

Die betriebswirtschaftliche Definition ist umfangreicher

Der IDW S 6, der Standard des Instituts der Wirtschaftsprüfer, beschreibt eine Unternehmenskrise deutlich früher. Dort werden mehrere Krisenphasen unterschieden – von der Stakeholderkrise über die Strategie- und Ertragskrise bis hin zur Liquiditätskrise. Diese Einteilung ist für Sanierungsexperten sehr hilfreich.

Für den Geschäftsführer, der heute Morgen wissen möchte, ob Handlungsbedarf besteht, beantwortet sie jedoch oft nicht die entscheidende Frage. Diese lautet: Reicht mein Geld noch aus, um meine Verpflichtungen in den nächsten Wochen zu erfüllen? Genau dort beginnt in der Praxis die Phase, in der schnelle Entscheidungen erforderlich werden.

Häufige Fehler

Auf den Jahresabschluss schauen statt auf den Kontostand. Der Jahresabschluss bildet die Vergangenheit ab. In der Krise entscheidet die Liquidität der nächsten Wochen.

Den Wert des Unternehmens überschätzen. Hohe Vermögenswerte bedeuten nicht automatisch Zahlungsfähigkeit – entscheidend ist, ob sie sich kurzfristig zu Geld machen lassen.

Zu lange warten. Fast alle Unternehmer, die ich begleite, sagen rückblickend denselben Satz: „Hätte ich mich doch drei oder sechs Monate früher beraten lassen."

Häufige Fragen

Ist ein Unternehmen schon insolvent, wenn Verluste entstehen?
Nein. Verluste allein führen noch nicht zur Insolvenz. Entscheidend ist, ob die fälligen Zahlungsverpflichtungen erfüllt werden können.
Kann ein vermögendes Unternehmen insolvent sein?
Ja. Selbst Unternehmen mit erheblichen Vermögenswerten können zahlungsunfähig werden, wenn sich diese Werte nicht kurzfristig zu Geld machen lassen.
Wann sollte ich einen Sanierungsexperten einschalten?
Nicht erst, wenn kein Geld mehr vorhanden ist. Sobald Zweifel bestehen, ob die Liquidität in den kommenden Wochen ausreicht, sollte die Situation professionell analysiert werden.
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Über den Autor

Jörg Franzke

Jörg Franzke ist Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Restrukturierung, Eigenverwaltung, Insolvenzpläne und StaRUG-Verfahren.

Seit über 30 Jahren begleitet er Unternehmer in Krisensituationen und hat mehr als 250 Unternehmenssanierungen begleitet.

Persönliche Beratung. Keine Delegation. Keine Standardlösungen.

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