In vielen Unternehmen passiert nach der Insolvenzantragstellung zunächst gar nichts. Der Geschäftsführer hofft, dass möglichst niemand etwas bemerkt. Genau dadurch entstehen Gerüchte: Mitarbeiter beginnen zu spekulieren, Kunden hören Halbwahrheiten, Lieferanten erhalten widersprüchliche Informationen.
Je länger ein Unternehmen schweigt, desto mehr übernehmen andere die Kommunikation. Nach meiner Erfahrung als Restrukturierungsanwalt ist der wirksamste Schutz vor Gerüchten deshalb kein Geheimnis, sondern eine klare, selbst gesteuerte Kommunikation.
- Gerüchte entstehen fast immer dort, wo Informationen fehlen – Schweigen ist deshalb der gefährlichste Weg.
- Wer die Eigenverwaltung selbstbewusst erklärt, übernimmt die Deutungshoheit und nimmt Spekulationen den Boden.
- Eine vorbereitete, einheitliche Kommunikationslinie sorgt dafür, dass alle Beteiligten dieselben Informationen erhalten.
- Die Eigenverwaltung ist ein gesetzliches Sanierungsverfahren und kein persönliches Versagen – so darf sie auch kommuniziert werden.
Schweigen erzeugt Gerüchte
Wer nach der Antragstellung abtaucht, überlässt anderen die Deutung. Mitarbeiter tauschen sich in den Pausen aus, Kunden fragen bei Wettbewerbern nach, Lieferanten hören von dritter Seite widersprüchliche Dinge. Aus Bruchstücken entsteht schnell ein Bild, das mit der Realität wenig zu tun hat.
Das eigentliche Problem ist nicht die Eigenverwaltung selbst, sondern das Informationsvakuum. Je länger es andauert, desto stärker verselbstständigen sich die Spekulationen – und desto schwerer lassen sie sich später wieder einfangen.
Übernehmen Sie die Deutungshoheit
Eine Eigenverwaltung ist kein persönliches Versagen, sondern ein gesetzlich vorgesehenes Sanierungsverfahren. Kommunizieren Sie deshalb selbstbewusst: warum Sie diesen Schritt gewählt haben, weshalb das Unternehmen fortgeführt werden soll, welche Maßnahmen bereits eingeleitet wurden und wie die nächsten Wochen aussehen.
Wer einen nachvollziehbaren Plan erklärt, nimmt Gerüchten den Nährboden. Die Beteiligten müssen nicht jedes Detail kennen – aber sie brauchen das Gefühl, dass jemand die Situation im Griff hat und die Richtung kennt.
Die Eigenverwaltung ist Hilfe – keine Niederlage
Ich habe mich oft gefragt, warum wir selbstverständlich einen Krankenwagen schicken, wenn jemand einen schweren Unfall hat. Gerät dagegen ein Unternehmer in eine wirtschaftliche Notlage, wird häufig so getan, als hätte er versagt. Diese Sichtweise halte ich für falsch.
Die Eigenverwaltung ist gerade dafür geschaffen worden, Unternehmen in einer außergewöhnlichen Situation zu stabilisieren und Arbeitsplätze zu erhalten. Sie dürfen diese Unterstützung mit gutem Gewissen in Anspruch nehmen – und Sie dürfen genau so darüber sprechen.
Bereiten Sie eine gemeinsame Kommunikationslinie vor
Noch vor der Antragstellung entwickeln wir regelmäßig eine Kommunikationsstrategie. Dazu gehört häufig eine schriftliche Erklärung, in der die Situation des Unternehmens verständlich dargestellt wird. Diese Erklärung muss nicht zwangsläufig an die Presse gehen – sie dient vor allem dazu, dass alle Beteiligten dieselben Informationen erhalten.
Das betrifft insbesondere Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Banken und die Buchhaltung. Gerade die Mitarbeiter in der Buchhaltung führen nach der Antragstellung oft zahlreiche Gespräche mit Gläubigern. Eine abgestimmte Kommunikation erleichtert diese Arbeit erheblich.
Einheitliche Informationen schaffen Vertrauen
Ich empfehle, wichtige Fragen nicht jedes Mal neu zu beantworten. Eine sorgfältig vorbereitete Information kann vielen Beteiligten zur Verfügung gestellt werden. Dadurch entstehen weniger Missverständnisse, und alle sprechen mit einer Stimme.
Genau dadurch verlieren Gerüchte schnell an Bedeutung. Wenn Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten auf dieselbe, klare Botschaft treffen, gibt es kaum noch Raum für abweichende Erzählungen.
Häufige Fehler
Die Antragstellung möglichst lange geheim halten. Schweigen schafft Raum für Spekulationen – und die füllen andere.
Fragen von jedem unterschiedlich beantworten lassen. Widersprüchliche Aussagen erzeugen Unsicherheit und Misstrauen.
Nur auf Nachfragen reagieren. Wer aktiv kommuniziert, behält die Kontrolle über die öffentliche Wahrnehmung, statt ihr hinterherzulaufen.
Häufige Fragen
- Sollte ich die Eigenverwaltung möglichst geheim halten?
- Nein. Sobald das Verfahren angeordnet wurde, ist eine offene und professionelle Kommunikation in der Regel der bessere Weg.
- Muss ich eine Pressemitteilung veröffentlichen?
- Nicht unbedingt. Eine vorbereitete Erklärung ist jedoch hilfreich, damit Mitarbeiter, Kunden und Geschäftspartner einheitlich informiert werden können.
- Warum ist eine Kommunikationsstrategie so wichtig?
- Weil Unsicherheit fast immer dort entsteht, wo Informationen fehlen. Wer selbst kommuniziert, verhindert Missverständnisse und stärkt das Vertrauen in die Sanierung.
Wie eine klare und abgestimmte Kommunikation dazu beitrug, Mitarbeiter, Kunden und Geschäftspartner hinter der Sanierung zu versammeln und die Eigenverwaltung erfolgreich abzuschließen.
Soll ich offen über die Krise sprechen?
Warum Mitarbeiter keinen Katastrophenbericht brauchen, sondern einen klaren Plan und Orientierung.
Beitrag lesenWann muss ich meine Mitarbeiter informieren?
Der richtige Zeitpunkt entscheidet: erst nach dem Gerichtsbeschluss – dann aber offen und durch den Geschäftsführer selbst.
Beitrag lesenJörg Franzke
Jörg Franzke ist Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Restrukturierung, Eigenverwaltung, Insolvenzpläne und StaRUG-Verfahren.
Seit über 30 Jahren begleitet er Unternehmer in Krisensituationen und hat mehr als 250 Unternehmenssanierungen begleitet.
Persönliche Beratung. Keine Delegation. Keine Standardlösungen.