Wenn Unternehmer über die Gesundheit ihres Unternehmens sprechen, blicken sie fast immer auf dieselben Zahlen: Umsatz, Gewinn, Liquidität. Diese Kennzahlen sind wichtig – aber sie zeigen die Krise oft erst dann, wenn sie bereits eingetreten ist.
Die frühesten und zugleich am häufigsten übersehenen Warnsignale finden Sie nicht in der Bilanz, sondern bei sich selbst. Häufig verändert sich zuerst das Verhalten des Unternehmers: Entscheidungen werden hinausgeschoben, Verantwortung wird abgegeben und das Gespür für das eigene Unternehmen geht langsam verloren.
- Unternehmer achten meist auf Umsatz, Gewinn oder Liquidität. Dabei beginnt eine Krise oft viel früher – im Verhalten des Unternehmers selbst.
- Die frühesten Warnsignale sind persönlich: nachlassende Wachsamkeit, sinkende Motivation und die Bereitschaft, sich mit beruhigenden Aussagen zufriedenzugeben.
- Verlassen Sie sich nicht allein auf mündliche Zusicherungen und nicht allein auf den Steuerberater. Verlangen Sie Zahlen und stellen Sie kritische Fragen.
- Gerade in der Krise darf ein Unternehmen nicht am Marketing sparen – es muss jederzeit kampfbereit bleiben.
- Nicht fehlende Informationen sind das Problem, sondern die Hoffnung, dass sich die Lage von allein bessert.
Warnsignal Nr. 1: Sie verlieren Ihre Wachsamkeit
Fast jeder Unternehmer baut sein Unternehmen mit unglaublicher Energie auf. Er kennt jeden Kunden, jede größere Rechnung und seine Mitarbeiter. Er spürt sofort, wenn irgendwo etwas nicht stimmt.
Mit den Jahren verändert sich das. Das Unternehmen wächst, es werden Führungskräfte eingestellt, Entscheidungen werden delegiert. Das ist grundsätzlich richtig. Gefährlich wird es jedoch, wenn der Unternehmer nicht nur Aufgaben delegiert, sondern auch seine Aufmerksamkeit.
Ich habe oft erlebt, dass erfolgreiche Unternehmer irgendwann sagen: „Die Mitarbeiter machen das schon." Genau in diesem Moment beginnt häufig die eigentliche Krise.
Warnsignal Nr. 2: Sie verlieren Ihre Motivation
Eine Unternehmenskrise beginnt selten mit einer schlechten Bilanz. Sie beginnt häufig damit, dass der Unternehmer müde wird. Nach zwanzig oder dreißig Jahren erfolgreicher Arbeit möchte man den Erfolg genießen: Man reist mehr, verbringt weniger Zeit im Unternehmen und beschäftigt sich mit anderen Dingen. Das ist menschlich.
Aber ein Unternehmen spürt sehr schnell, wenn der Unternehmer innerlich nicht mehr hundertprozentig dabei ist. Führung lässt sich delegieren. Verantwortung nicht.
Warnsignal Nr. 3: Alle sagen, dass alles in Ordnung ist
Das klingt zunächst beruhigend. Ist es aber oft nicht. Wenn ich Unternehmer frage, wie es ihrem Unternehmen geht, höre ich häufig: „Meine Mitarbeiter sagen, alles läuft gut." Meine Erfahrung ist eine andere.
Mitarbeiter vermeiden Konflikte. Niemand möchte schlechte Nachrichten überbringen. Gerade in der Buchhaltung oder im Controlling werden Probleme deshalb häufig zu spät angesprochen – nicht aus bösem Willen, sondern weil jeder hofft, dass sich die Situation von selbst wieder verbessert.
Deshalb sollte sich kein Unternehmer ausschließlich auf mündliche Aussagen verlassen. Verlangen Sie Zahlen. Und stellen Sie kritische Fragen.
Warnsignal Nr. 4: Sie verlassen sich auf Ihren Steuerberater
Viele Unternehmer glauben: „Mein Steuerberater hätte mich doch gewarnt." Das ist ein Irrtum. Der Steuerberater leistet hervorragende Arbeit. Seine Aufgabe besteht jedoch in erster Linie darin, die Vergangenheit aufzubereiten – Jahresabschlüsse zu erstellen, Steuererklärungen anzufertigen und steuerliche Fragen zu beantworten.
Die unternehmerischen Entscheidungen für die Zukunft muss der Geschäftsführer selbst treffen. Die Verantwortung für die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens kann ihm niemand abnehmen.
Warnsignal Nr. 5: Das Marketing wird zurückgefahren
Wenn die Umsätze sinken, sparen viele Unternehmen zuerst beim Marketing. Das halte ich häufig für einen Fehler. Gerade in einer Krise braucht ein Unternehmen neue Kunden und neue Aufträge. Wer in wirtschaftlich schwierigen Zeiten seine Sichtbarkeit reduziert, verschärft die Krise oft zusätzlich.
Ich bin überzeugt: Ein Unternehmen muss jederzeit kampfbereit bleiben. Dazu gehört auch, kontinuierlich in Vertrieb, Marketing und Kundenbeziehungen zu investieren.
Häufige Fehler
Sich auf das Bauchgefühl verlassen. Erfolgreiche Unternehmer vertrauen ihrem Instinkt. In einer Krise sollten Entscheidungen jedoch zusätzlich auf belastbaren Zahlen beruhen.
Warnungen verdrängen. Viele Probleme kündigen sich Monate vorher an. Wer sie ignoriert, verliert wertvolle Zeit.
Zu wenig nachfragen. Je größer ein Unternehmen wird, desto wichtiger wird es, kritische Rückfragen zu stellen und sich nicht mit allgemeinen Aussagen zufriedenzugeben.
Häufige Fragen
- Kann ein Unternehmen trotz guter Umsätze in die Krise geraten?
- Ja. Hohe Umsätze bedeuten nicht automatisch ausreichende Liquidität oder wirtschaftliche Stabilität.
- Sollte ich mich auf die Aussagen meiner Führungskräfte verlassen?
- Vertrauen ist wichtig. Ergänzen Sie es jedoch immer durch aktuelle Kennzahlen und regelmäßige Nachfragen.
- Welche Kennzahl ist das wichtigste Frühwarnsystem?
- Neben einer laufenden Liquiditätsplanung ist die persönliche Aufmerksamkeit des Unternehmers oft das wichtigste Frühwarnsystem.
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Jörg Franzke ist Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Restrukturierung, Eigenverwaltung, Insolvenzpläne und StaRUG-Verfahren.
Seit über 30 Jahren begleitet er Unternehmer in Krisensituationen und hat mehr als 250 Unternehmenssanierungen begleitet.
Persönliche Beratung. Keine Delegation. Keine Standardlösungen.